Rezensionen

 



 

Inhaltsverzeichnis

Barnes, Julian

Vom Ende einer Geschichte


Butler, Nickolas

Die Herzen der Männer


Isarin,  Arthur                                       

Blasse Helden  


Ishiguro, Kazuo  

Was vom Tage übrigblieb                                   


Ng, Celeste

Was ich euch nicht erzählte

Kleine Feuer überall


Otsuka, Julie

Wovon wir träumten


Pleschinski, Hans

Wiesenstein


Ruskovic, Emily

Idaho


Saucier, Jocelyne

Ein Leben mehr





Wiesenstein von Hans Pleschinski

 

Hans Pleschinkis Roman "Wiesenstein" fällt  in einer Buchhandlung sofort auf. 

Der Schutzumschlag, fast ausschließlich in schwarz-weißen Farben, sieht elegant aus. Der Buchdeckel innen ist dagegen bunt, es ist das Deckenfresco der Eingangshalle Wiesensteins. Ein Gesamtbild des Gebäudes und ein Foto der Familie Hauptmann runden den ersten Eindruck ab.


Die Geschichte verfolgt ein paar Lebensjahre von Gerhard und Margarete Hauptmann.


Der Nobelpreisträger , jetzt 82 Jahre alt , war erkrankt und hatte sich in einem Dresdner Sanatorium erholt. Nun möchte er, obwohl noch stark geschwächt, wieder in sein geliebtes Schlesien. Die Heimreise ist fast unmöglich, die Zerstörung Dresdens ist erst ein paar Tage her.


Es sind  ca. noch 8 Wochen bis zum Ende des 2.Weltkrieges, Pleschinski gelingt es den Untergang des Dritten Reiches mit dem verbundenen Chaos, Elend, Zerstörung und Gewalt ruhig und eindringlich, ohne Effekthascherei zu beschreiben.


Zuhause angekommen lebt das Ehepaar fast wie zu Friedenszeiten, das gesamte Hauspersonal ist noch da, einen Physiotherapeuten haben sie aus der Klinik mitgebracht.

Es werden Gäste empfangen , zu essen und trinken gibt es noch genug.


Die Protagonisten sind immer klar und präsent, bis auf Gerhart Hauptmann. Die meiste Zeit bleibt er nebulös und nicht greifbar.
Nur in den Passagen, die mit Auszügen seiner Werke gespickt sind, wird er sichtbar.

Dann allerdings auch nur als Dichter, der Mensch Gerhart Hauptmann bleibt unklar.


Außerdem erscheint mir die Geschichte, dafür dass sie 15 Monate lang fast nur auf Wiesenstein und Umgebung spielt, zu lang.


Fazit: Das Buch liest sich schwer und holprig, man braucht schon eine gewisse Konzentration. Für Liebhaber Gerhart Hauptmanns gewiss ein lesenswertes Buch, alle anderen brauchen einen langen Atem.

Was vom Tage übrig blieb von Kazuo Ishiguro

 

Was vom Tage übrig blieb ist ein mythischer Roman über einen englischen Butler, der seinen ganzen menschlichen Wert über  die Erfüllung seiner Pflichten definiert.


Seit Jahrzehnten arbeitet Stevens als Butler auf Darlington Hall. Als Lord Darlington stirbt, erwirbt ein Amerikaner, Mr. Farrady, das Anwesen.

Als sich Stevens um neues Personal kümmern soll, fällt ihm Miss Kenton ein. Sie war zu Lord Darlingtons Zeiten Haushälterin auf diesem Landsitz, heiratete nach Cornwall und schrieb Stevens kürzlich, dass sie sich von ihrem Mann getrennt hätte.


Als Mr. Farraday ein paar Wochen in Amerika weilt, macht sich Stevens auf den Weg nach Cornwall, anfangs noch aus beruflichen Gründen, wie er meint.


Es wird für ihn eine Reise in die Vergangenheit und zu sich selbst. Abseits seiner Pflichten und gewohnten Umgebung, denkt er über sein Leben nach.

Hätte er einen anderen Lebensweg eingeschlagen, wenn er ein anderer Mensch gewesen wäre?


Ishiguro schafft es erstaunlich gut Stevens Charakter zu beschreiben. Seine Introvertiertheit berührt schon sehr, macht betroffen. Der Leser schwankt zwischen Empathie und Zorn.


Es ist aber auch ein Roman über den Dünkel einer vergangenen Gesellschaftsschicht, er enthält politische Botschaften und ganz viel über zwischenmenschliche Beziehungen.


Leicht zu lesen ist dieses Buch nicht, aber eine wirkliche Bereicherung.

Idaho von Emily Ruskovich

 

Der Roman handelt von einer Familie, die an einem schönen Sommertag zerbricht. 

Eine der beiden Töchter stirbt, die Mutter wird als ihre Mörderin inhaftiert und die andere Tochter verschwindet spurlos. 

Der Vater heiratet erneut, eine Frau die er schon vor dem Familiendrama kannte, 

verliert aber durch eine Alzheimer- Erkrankung immer mehr sein Gedächtnis.


Die Geschichte ist beklemmend, die durchgehend aggressive Stimmung ist spürbar.


Obwohl ich gut in das Buch hinein fand, konnte ich für keinen der Protagonisten Empathie empfinden. 

Sie blieben immer auf Distanz, ich konnte mit ihnen und der Geschichte nicht warm werden.


Das Buch ist lyrisch geschrieben, aber vieles war mir auch zu bedeutungsschwanger.
Am Rande erschienen immer wieder Menschen und Szenen, die für den Fortgang der Geschichte irrelevant waren, dadurch wurde das Buch immer undurchsichtiger und konfuser.


Die Autorin wollte eigentlich deutlich machen, wie sehr einen die Erinnerungen im Laufe 

der Zeit im Stich lassen, das ist ihr deutlich misslungen.


Am Ende des Buches ist man genau da, wo man am Anfang auch schon war.
Mich macht es als Leser ärgerlich, wenn mir zuviel Phantasie abverlangt wird und der 

rote Faden in der Geschichte komplett fehlt.



Von mir keine Leseempfehlung.

 



Blasse Helden von  Arthur Isarin

  

Die Geschichte des blassen Helden Anton spielt im postsowjetischen Russland der 1990 ziger Jahre.


Unter Präsident Jelzin ist das Land total vor die Hunde gegangen.  

Es herrscht Chaos, es ist die Zeit der wirtschaftlichen Rezession, das Bruttonationaleinkommen hat sich halbiert. Die Lebenserwartung der Bevölkerung hat sich verschlechtert, die Todesrate durch Alkoholismus dramatisch erhöht.

Der Sozialabbau ist enorm. Arbeitnehmer, egal wo beschäftigt, werden oft nur sporadisch bezahlt. Korruption,  Prostitution und Kriminalität steigen astronomisch an.


Aber Anton, der Kosmopolit und studierter Ökonom, lebt gerne in Moskau. Er ist kulturell gebildet, sonst aber ziemlich oberflächlich; bekleidet eine hohe Position, übernimmt aber nicht gerne Verantwortung; liebt die Frauen, scheut aber Bindungen. Kurz gesagt- er liebt sein sorgenfreies, großspuriges Leben in Moskau ohne einen Gedanken an sein Umfeld zu verschwenden.


Aber zwischendurch bröckelt das Image, was Anton sich aufgebaut hat. Als 1999 Jelzin durch Putin abgelöst wird und der KGB wieder erstarkt, lässt sich Anton vor keinen Karren spannen. 

Er liebt seine Freiheit über alles und kehrt Russland den Rücken.


Das Buch lässt sich flüssig lesen, wem die russischen Verhältnisse von damals nicht so bekannt sind,  muss die Geschichte erst überspitzt vorkommen.

Denn der unter Pseudonym schreibende Arthur Isarin beschreibt die schwierigen Verhältnisse mit Leichtigkeit und sehr viel Humor, ohne Pathos.




Fazit: Schüler wären froh wenn die jüngste Geschichte immer mit soviel Humor vermittelt würde.

 

Was ich euch nicht erzählte

von Celeste Ng

 

Was ich euch nicht erzählte ist der Debütroman der Amerikanerin Celeste Ng, der vielfach prämiert, verfilmt und in viele Sprachen übersetzt wurde.


Die Geschichte handelt von der jungen Lydia Lee, die mittlere der drei Kinder des chinesich- amerikanischen Ehepaars Marylin und James Lee. Sie ist das Lieblingskind ihrer Eltern, eine freundliche, wohlerzogene und gute Schülerin.


Die Familie, die in Ohio lebt, ist gut situiert. Der Vater ist Universitätsdozent, die Mutter hat ihr Medizinstudium abgebrochen und versorgt den Haushalt.


Als Lydia eines morgens nicht zum Frühstück erscheint ,deutet noch nichts auf eine Tragödie hin. 

Aber immer mehr treten schwelende Konflikte innerhalb der Familie und im näheren Umkreis auf. Es geht um verpasste Gelegenheiten, unvergessene Kränkungen der Vergangenheit, unerfüllte Träume und Überforderung.


Schicht für Schicht blättert Celeste Ng die Familiengeschichte, die Verhältnisse untereinander auf. Alle möchten nur das Beste, aber Gedanken und Wünsche werden nicht ausgesprochen, niemand teilt sich mit und dadurch nimmt das Drama seinen Lauf.


Ein spannendes Buch, das den Leser nachdenklich zurück lässt und zeigt, wie wichtig Kommunikation ist.

Ein Leben mehr von Jocelyne Saucier

 

„Ein Leben mehr“ erzählt die Geschichte drei alter Männer, die aus ihrem alten Leben verschwanden und sich in die kanadischen Wälder zurückzogen; nun leben ein naturverbundenes, spartanisches Leben. Sie leben von dem was See und Wald hergeben, genießen die Tage und Jahreszeiten und sind sich selbst genug.


Charlie ist ein Naturliebhaber der seine Familie verließ und nach dem Urteil seiner Ärzte schon vor 15 Jahren sterbenskrank war.

Tom, ein trinkender Goldschmuggler, der erfolglos mit seiner Gitarre durch die Kneipen zog.

Und dann noch Ted.  Um ihn ranken sich viele Gerüchte und Legenden, er war einer der wenigen Überlebenden der großen Brände 2016.  

                                                                                                                                                                                        Sie fürchten nur eins: Sozialarbeiterinnen, denn sie lieben ihre Freiheit und ein selbstbestimmtes Leben   ( und Sterben ).


Eines Tages ist es mit der Einsiedelei vorbei.

Zuerst taucht eine Fotografin auf, sie sucht gezielt nach Ted, macht eine Fotoserie über alte Menschen die was zu erzählen haben. Später folgt die 82 jährige , geistig und körperlich total fitte Marie-Desneige.

Mit den beiden Frauen ändert sich das Leben der alten Männer stetig. Sie müssen auch die Bedürfnisse der Neuankömmlinge akzeptieren  und sie tun es seltsamerweise gern. Die Sorge um den anderen hält Einzug in die kleine Gemeinschaft und - die Liebe.


Für Jocelyn Sauciers Protagonisten empfindet man sofort Sympathie, sie sind sehr liebenswert. Atmosphärisch dicht und lyrisch geschrieben lebt man in den kanadischen Wäldern mit , bleibt nach knapp 200 Seiten zufrieden zurück.


Kann sich die Geschichte so abgespielt haben ? Ist sowas mit alten Menschen überhaupt möglich ?

Egal, ein schönes Märchen.

Oder alles ist möglich.



 

Kleine Feuer überall

von Celeste Ng

Kleine Feuer überall ist der zweite Roman Celeste Ngs und spielt in Shaker Heights, einem Vorort Clevelands/Ohio.

Ein Vorort den man mag, wenn man sich gut an die Lebensweise der anderen Bewohner anpassen kann, Individualismus ist hier nicht gefragt. Die Farbe der Häuser, wo steht welcher Baum, wie groß ist das Rasenstück, hier ist alles reglementiert.

Die Bewohner von Shaker Heights leben privilegiert, Geld spielt keine Rolle. Untereinander sind sie freundlich, sozial und hilfsbereit. Sie haben ihr Leben durchgeplant und würden im Traum nicht darauf kommen dass im Leben nicht  immer alles nach Wunsch geht.



Die Richardsons leben in der vierten Generation dort und passen auch genau hierhin. Der Vater Anwalt, die Mutter  Journalistin der regionalen Zeitung, großes Haus, mehrere Autos und vier Kinder. Bis auf die jüngste entwickeln sie sich wie gewünscht.


Eines Tages zieht die Künstlerin Mia, die eine ganz andere Lebensform bevorzugt, mit ihrer Tochter Pearl nach Shaker. Dadurch dass sich die Kinder anfreunden, gerät auch das Leben der Richardsons in Unordnung.



Letztendlich dreht es sich in diesem Buch um Kinder, gewünschte oder ungewollte, ihren Eltern und die Gesellschaft in der sie groß werden.

Celeste Ng schreibt nüchtern, klar und in kurzen Sätzen, aber nicht emotionslos. Sie bleibt immer wertungsfrei, das bleibt dem Leser überlassen.


Ein Puzzle -Teil greift ins andere, man liest wie eine Situation Einfluss auf die andere hatte.


Mir persönlich war die Auswahl der Themen etwas zu viel - von Adoption, Abtreibung zu Leihmutterschaft und Kindesentführung -  , auf 380 Seiten machte die Geschichte für mich dann auch oberflächlich.


Das Buch kann man besonders Lesekreisen empfehlen, es regt zum Nachdenken an und bietet eine Menge Diskussionsstoff.

 

Wovon wir träumten

von Julie Otsuka

Julie Otsuka beschreibt in ihrem Roman “ Wovon wir träumten“ die Situation junger Japanerinnen die von Japan nach Amerika auswanderten, um dort einen Landsmann zu heiraten, der schon einige Zeit dort lebt.

Sie kennen ihren zukünftigen Ehemann nur von den Bildern der Heiratsvermittler, den dazu gehörigen Lebenslauf aus wenigen Briefen.

Sie verlassen ihre Heimat und ihre Familien um, eingepfercht unter einem Schiffsdeck, einem ungewissen Schicksal entgegen zu fahren.

Manchmal lagen wir in der schwankenden, feuchten Dunkelheit stundenlang wach, erfüllt von Sehnsucht und Angst.“

Die Frauen hoffen auf ein Leben und einen Mann den sie annehmen können. Vielleicht auch ein wenig von dem versprochenen Glück.

Was würden wir ihm bei der ersten Begegnung sagen, die Vergangenheit lag hinter uns, es gab kein zurück.“

Julie Otsuka schreibt im Kollektiv-Stil. Es gibt keinen bestimmten Protagonisten, sondern die Geschichte wird von vielen Japanerinnen erzählt und trotzdem ist sie sehr intim und berührend.


Als die Frauen von Bord gehen sind viele enttäuscht, über ihre Ehemänner,  denen sie nun ausgeliefert sind, oder die Lebensweise. Aber auch das neue Heimatland und ihre Bewohner sind eine arge Enttäuschung, denn in  Amerika herrscht noch offener Rassismus, auch den asiatischen Minderheiten gegenüber.


Sie gründen  Familien, die Kinder werden fremder je älter sie werden, denn sie sind amerikanische Staatsangehörige, sie wissen nichts von Japan.

Sie arrangieren sich mit den Amerikanern, arbeiten für sie, werden auf eine gewisse Weise mit ihnen vertraut, kommen auch teilweise zu ein wenig Wohlstand.


Aber dann bricht der 2. Weltkrieg aus und die Japaner stehen unter Generalverdacht,. Zuerst werden einzelne Männer verhaftet, dann werden es mehr ,bis sie eines Tages ganz aus dem amerikanischen Straßenbild verschwunden sind.


120 000 japanischstämmige Menschen  - ca. 77 000 davon haben die amerikanische Staats- bürgerschaft -  werden evakuiert und interniert, müssen ihre Häuser und Wohnorte von jetzt auf gleich verlassen.

Zuerst werden sie noch von ihren Mitbürgern vermisst, aber dann verlieren sich ihre Spuren immer mehr.

 

Vom Ende einer Geschichte

von Julian Barnes

Der erste Teil des Romans begleitet vier Jugendliche- Alex, Anthony (der die Geschichte erzählt), Colin und Adrian -  eine Zeitlang durch ihr Schul- und Studienleben.

Adrian stößt ein wenig später zu den anderen und besonders Anthony bewundert ihn sehr. Er findet ihn attraktiver,  interessanter und vor allem weitaus intelligenter als sich selbst.

Aber die Freundschaft endet abrupt als ein Mädchen ins Spiel kommt.


Im zweiten Teil sind vierzig Jahre vergangen. Tony hat mittlerweile sein Berufsleben, sowie eine Ehe hinter sich, ist  Vater und Großvater. Da wird er durch die Erbschaft von Adrians Tagebuch an seine Studentenzeit und an die einst  enge Freundschaft erinnert. Und diese Eintragungen bringen seine Erinnerungen und das Bild von sich selbst ziemlich durcheinander.


Vom Ende einer Geschichte ist ein sehr bewegender Roman über das Erinnern. 

An was erinnern wir uns? Sind sie real oder trügerisch? Inwieweit bauen wir sie um, damit sie uns genehmer sind? 

In einer Rezension über das Buch fand ich das Wort „hinterhältig“ und das fand ich treffend. Es ist hinterhältig gut wie die falschen Erinnerungen, die Tony aus seinem Gedächtnis gestrichen hatte, ihm im Alter auf die Füße fallen. 

Und dem Leser gleich mit, denn der muss sich fragen inwieweit ihn seine Erinnerungen im Stich lassen und vor allem, wie sehr er sich in vielen Dingen selbst belügt.